Magische Zahlen, unheilbringende Boten der Hölle, Todeslöcher und Mentalgeisselungen im Busch liegen unmittelbar hinter mir. Der Fluch steckt mir noch immer marktief im Knochen, als ich gemeinsam mit Isa am Ostersamstag den Hügel runterrolle. Der grobe, steinige Untergrund knirscht unter meinen Reifen, der alte Ford brummt leise vor sich hin und schon biege ich auf die Westufergerade. Links eine türkisblaue, zerzauste Fläche, die von zuckenden, weissen Wellenkämmen malträtiert wird, rechts der 3m hohe Erdwall, auf dessen Oberfläche die Gäule grasen und vor mir noch ungefähr 400m Gerade bis zu dem Ort, an dem ich schon so manche Mentalachterbahn gefahren bin. Von absoluter Euphorie bis zur tränengetränkten Verzweiflung und all derer Facetten, hab ich dort schon alles erlebt.Sweetspring. Wir sind wieder da...
Der wieder mal äußerst hübsche Brutal-Ostwind lässt die vorjährigen, trockenen Schilfhalme knattern, die obligaten Beringsee-Wellen an meine Uferbefestigung klatschen und der Isabella das fette Grinsen aus dem Gesicht zaubern. Tja. Da musste der Bikini wohl noch in der Tasche bleiben. Obwohl ich es auch nicht unbedingt kuschelig finde, wenn mir die steife Brise unentwegt frontal in die Fresse bläst, weiß ich doch Eines. Das ist der "Fängige", der mir die Monstergelben in die Fallen treiben wird. Ostwind. Je stärker, desto besser. Haben doch die letzten Jahre bestätigt, daß völlige Windstille hier absolut nicht vom fischereilichen Vorteil war. Zumindest bei mir nie. Des Einen Freud, des Andren Leid. Positiv anzufügen wäre auch noch, daß bei weitem nicht so viele andere Angler vor Ort waren, wie ich es eigentlich für das Osterwochenende vermutet hatte. Jojo, solch klimatische Bedingungen sind nicht jedermanns Sache. Mir solls recht sein und schon nahm die menschliche PVA Maschine Alex Sludge Hager, übermotiviert die Arbeit auf, um für die nächsten 36h gerüstet zu sein ...
Wie unschwer zu erkennen ist, war ich auf wahre Bissorgien vorbereitet, denn wenns rennt, mag ich keine Zeit verlieren. Und die äußeren Bedingungen kündeten wahrhaft von zwingendem Erfolg. Nebenbei war kein Eiserner mit dunkler Aura weit und breit, somit hatte ich auch den Fluch recht unbedacht in die hinteren Ecken meines Seelenapparates geschoben und reckte frohen Mutes meine Nase in die nach Fisch riechende schnelle Luft. Jaaaa. Gleich würde die Mühle abgehen, der Hanger am Blank kleben und Kollege Delkim wahre Oden vom Brachialrun verkünden ...... jede Sekunde konnte; musste es eigentlich soweit sein ...

Nach 6 Stunden, 8 PVA Würsten weniger und keinem einziger Pieper war ich mir dann doch nicht mehr ganz so sicher. Fuuuuuuuuuck. Was war da los? Wo waren diese vermaledeiten Saugschweine? Was zur Hölle nagelt ihnen derart das Maul zu? Oder kamen die gar nicht an den obligaten Frühjahrsspots vorbei? Wo gammelten die bloss rum? Irgendwann musste es doch auch hier richtig losgehen. Jetzt war nämlich schon Ende April, also konnten wir uns auch nicht mehr mit der "Winterausrede" ruhigstellen. Es geht genau nichts. Sogar mein schwimmerfischender Nachbar gibt auf und tritt die Heimreise an, worauf ich mir aber sicher bin, daß da im Weißfischbereich doch was Gutes zu holen sein müsste. Und schon hat der Sludge die grobe Match-Kelle ausgepackt und beginnt bei gefühlten 80km/h Gegenwind mit der Pose zu fischen. Primitiv, schwer und direkt. 8 Gramm-Monster Waggler, 1gr Olivenblei, 70cm Vorfach, 10er Feederhaken und ein Köder, der jegliches Kleinstfischproblem fast völlig ad acta legt. Die Wachsmottenlarve. Vom befreundeten Imkermeister Josef liebevoll aufgepäppelt ( gleich auch hier noch mal ein fettes THX an dieser Stelle ), vor wenigen Tagen eingetrudelt, kamen sie nun zum Ersteinsatz in Sweetspring. Dann, wenn ohnehin nichts geht, denn die hatten mir in früheren Tagen an anderen Gewässern schon mehrmals, den ein oder anderen Bonusfisch einziehen lassen. There´s nothing left to lose...

Es wurde gleich ein wenig Wasser zum noch vorhandenen Stickmix gegeben, ein paar Bälle daraus geformt und diese dann vor mir in den Fluten versenkt. "Bienenmade" aufziehen, ein Schlenzer in den noch erkennbaren Futterschleier unter Wasser und den Waggler fokusieren. Nichts passiert. Nichts, was als Biss wahrzunehmen ist. Zupfer intressierten sowieso Niemanden und waren bei polarmeerähnlichem Wellengang ohnehin nicht realistisch wahrzunehmen. Gut. Ich schiebe den Stopperknoten gut 80cm auf ca. 2m Wassertiefe. Von Grundnähe auf Mittelwasser. Der nächste Schlenzer mit der Aggressor erfolgt, der Schwimmer taucht ein, kommt wieder hoch, um ansatzlos abermals wie von Geisterhand in die grüne Tiefe zu verschwinden. JAWOI! The rudds are back! Und schon kämpft die erste feiste Rotfeder am Ende der Leine. Würden diese Fische rund einen Meter werden, könnten wir uns alle gratulieren und in die Hände spucken. Was die Burschen am Wagglergerät aufführten, war jenseits von Gut und Böse. Wirklich immer wieder gewaltig, was solch kleine Kreaturen für einen Druck im Wasser aufbauen können. Die nächste Mottenlarve an den Haken und ab die Post. Jetzt fuhren sie ein. Eine nach der Anderen. Muahahaha. Und ich hab Rotflossengold abgehoben, wie wenns kein Morgen gäbe...
Nachdem die Größten vom Schwarm wohl gefangen waren, hab ich die Orkan-Matcherei wieder eingestellt und mich weiter auf die Saugdeppen konzentriert. Wenigstens bei den Weissfischoperationen kam der Fluch noch nicht zum Tragen. So. Was konnte ich tun, um den Rüsslerbiss zu forcieren. Es war mal wieder soweit. Man war sich ja sicher gewesen, daß eben die Bedingungen als idealst zu werten waren und wollte einfach nicht wahrhaben, daß das nach wie vor Tiere waren und man in ihrem "Geist" nicht lesen konnte. Was logischerweise nach dieser Erkenntnis folgen muss, ist die Annahme, daß man mit aufgepimpten Ködern oder sogar einem kompletten Geschmacksrichtung -u. oder Substanzenwechsel am Endgame den Biss erzwingen kann. Man versucht sich halt am Auspacken der sogenannten Geheimwaffen, die man so im normal fängigem Jahr nicht verschwenden will. Dabei ist der Gedanke, warum man nicht immer damit fischt, wenn die Kombi so Ultra wäre, ansatzlos zu vernachlässigen. In dem Moment öffnet man fast andächtig die sogenannte Hinterhand-Trickkiste und kreiert DIE Bait-Sensation aller Zeiten. Es is unser ... Glauben. Wenn so nichts geht, hab ich die Klinke der Verzweiflungstür, die in den Untergang führt, schon in greifbarer Nähe ...




Irgendwann kam dann der Hörstman nach seinem eher bescheidenen Buschansitz auf einen Besuch vorbei. Ja genau. Der Miracle-Hörst. Selbst Sweetspring-Veteran und Wissender, was die Launigkeit dieser Schottergrube betraf. Doch auch ihm war die absolute Flaute ein generelles Rätsel. Rundherum wurde ja auch wenig bis Nichts gefangen. Zumindest was man so aus verlässlicher Quelle wußte und die utopischen Ausführungen mancher Angelkollegen vor Ort ausser Acht ließ. Jaja, die gibts überall. Die kontinuierlichen Understatement Monsterfänger. Ich, als ausgewiesener Egomanen-Trophäensammler aber, kann aus meiner Haut leider nicht raus und würde nun schon gern mal Einen ablichten. So einen Greifbaren, für mich Realen. Und wie wir so plaudern und sinieren, tönt es wie Fanfaren aus dem Empfängerteil des Bissboten. Ein Blick genügt, um zu erkennen, daß der Hanger der rechten Rute gegen Boden wandert. Fallbiss. Ich schnelle aus meiner bequemen Sitzhaltung, starte zum Stock um dort wie versteinert auf den Moment zu warten, wo ich denke, daß es an der Zeit wäre, abzuheben. Der kleine blaue Einhänger schwebt 5cm über dem Sandboden. Lange Sekunden vergehen. Plötzlich geht alles blitzschnell. Der Bobbin fetzt nach oben, die Bremse knattert, die Leine wird von der Rolle gerissen. Vollrun. Ansatzlos hebe ich ab und die Aktion des 2,75er Stockes krümmt sich in den Widerstand. YES! Der pickt. Nein, das ist kein Kleiner. Joooooo. Jetzt nur keinen Unfug machen. Der Gelbe am Band gibt Gas. Kurzzeitig muss ich wieder mal bange Drillsequenzen am Schilf durchleiden bis ich ihn endlich abermals vor mir im freien Wasser habe. Wir scherzen im Angesicht der fluchgetränkten letzten Ansitze - "Man soll des Bären Fell nicht verkaufen, bevor er noch erlegt ist!". Richtig leichtsinnig wurde in diesem Augenblick mit der Macht der schwarzen Magie umgegangen. Doch wenn der Fisch ordentlich gehakt ist, alle Komponenten des Fanggeräts halten was sie versprechen, kann selbst Poseidon den Gelben nicht vorm Fotoshooting bewahren. Jawohl. Dem ist auch so. Als der wirklich gute Bursche endlich in Keschernähe kommt und erstmals auftaucht, verlässt ansatzlos ein Raunen unsere Mäuler. NAAAAAAA, des gibts ned. Das ist er. Unverkennbar. Mit seiner riesigen Deformation auf einer Körperseite, die vermutlich von einer, vor langer Zeit gebrochener Rippe herrührt, könnte ihn ein Halbblinder unter Millionen von Fischen problemlos rausfinden. Ganz klar. Er ist es. Beulen-Bill. In feister Kondition.Wohlgenährt, kampfstark und frech...




Einmal, jedes Jahr, habe ich tatsächlich das Vergnügen und kann den schon lange, von vielen todgeweihten Schuppigen wieder putzmunter in die grünen Tiefen entlassen. Er ist einfach ein beinhartes, verfressenes Unterwasserschwein, welches alle Pessimisten Lügen straft. Recht so Bill. Zeig Ihnen, daß mit den Underdogs immer zu rechnen ist. Live fast - die old! War mir eine Freude, dich auch im 2011er Jahr wieder fit und munter auf meine Matte begrüßt zu haben und danke, daß du dieser Einladung auch nachgekommen bist. Jawohl. Mein Fluch-Vernichter, mein Entschneiderer, mein Retter - der Beulen-Bill.
Vor Einbruch der Dunkelheit verabschiedete sich auch der glücksbringende Hörstman wieder, und ich machte mich daran, das Brolly für die Gemahlin aufzubauen. Da Faulheit eine meiner Tugenden darstellt, wollte ich die 2Mann JRC-Burg nicht mitschleppen und hab somit entschieden, die Nacht im Freien zu verbringen, da nichts auf Regen oder andere natürliche Wetter-Unpässlichkeiten hindeutete. Untypisch für mich war dem dann aber auch wirklich so und ich habe problem -u. bisslos die Nacht unter freiem Himmel durchgeschlafen, um in der Morgendämmerung aufzuwachen und folgedessen einen herrlichen Sonnenaufgang genießen durfte...







Über Nacht hatten sich die äußeren Bedingungen völlig verändert. Kein Lüftchen regte sich und die Sonne knallte mit einer sommerlichen Unbarmherzigkeit vom Himmel. An den Ruten rührt sich nach wie vor Nichts. Seit Beulen-Bill war wieder völlige Stille eingekehrt. Bis die Horden kamen. Die gefürchteten Horden der Oster-Schönwetter-Angler. Radios trällerten willenlose Musik, die man selbst in dunkelster Stunde nicht hören wollte, Rudeln von Kindern spielten und kreischten sich dabei die Seele aus dem Leib und der Weg hinter meinem Sattel glich der ersten Sonderprüfung der Rally Argentinien. Bist du deppat. Blutdruck 200. Halsverkabelung kurz vorm Fukushina-ähnlichem Zerbersten. Bin ich ein Misanthrop? In diesen Situationen muss ich diese Frage eindeutig mit einem JA beantworten. In meinem Inneren wünsche ich mir Hagelstürme, Gewitterhöllen und Weltuntergänge herbei. Fangen tu ich sowieso nichts mehr...
Doch nichts von alle dem tritt ein, das wahre Höllenszenario nimmt seinen Lauf, die Sonnenbarsche lungern im 20cm tiefen Wasser an der Oberfläche und die Pieper bleiben stumm; im Gegensatz zu Autoradios, Kinderkehlen und Ansammlungen von lachenden und schreienden"Besuchern", die unentwegt den Tag genießen und zu einem Martyrium meinerseits mutieren lassen. Nein, das ist nicht meine Abteilung und ich streiche Sonntags um 18 Uhr die Segel, wir packen zusammen und treten die Heimreise an. Ich bekomm von der Zirkuspartie nur Magengeschwüre. Ändern kann ich es sowieso nicht. Das regt mich nur auf. Was das irgendwie noch mit halbwegs vernünftigem Fischen zu tun haben soll, steht auf einem anderen Blatt Papier. Vornehmlich auf der Sorte, welche ich bevorzugt am Lokus benötige. Aber bitte. Und unzufrieden musste ihn ohnehin nicht heimfahren, denn ich hatte ja meinen Fisch am Speicher der Digitalen. Und nicht Irgendeinen. Beulen-Bill ... Vastehst? BEULEN-BILL! ;)tight lines
Sludge




















